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Digitalisierung, Studium und Lehre, Veranstaltungen

Mensch-KI-Kooperation beim Lernen und Lehren – Takeaways der EDEN-Jahrestagung in Porto

Im Mittelpunkt der Jahrestagung 2026 des internationalen Bildungsverbands „EDEN Digital Learning“ stand das virulente Thema der Kooperation von Mensch und generativer KI. Unter dem Titel „Beyond Technology: Human-AI Collaboration for Learning and Teaching“ hatte EDEN zwischen dem 14. und 16. Juni 2026 an die Universidade do Porto mit ihren rund 31.000 Studierenden geladen. Insgesamt waren rund 300 Expert:innen für digitales Lehren und Lernen aus 49 Nationen der Welt in die Stadt Porto im Norden Portugals gereist, um aus einem über 70 Beiträge umfassenden Tagungsprogramm Impulse für das eigene Arbeiten zu beziehen.

Dass das Tagungsthema durchaus nicht unumstritten war, zeigte sich gleich im Rahmen eines EDEN Panels am 15. Juni, bei dem der Präsident und Vorsitzende des weitläufigen Fernlehrnetzwerks „Contact North“ der kanadischen Provinz Ontario, Maxim Jean-Louis, seine Skepsis gegenüber dem Terminus der „Human AI Collaboration“ artikulierte und betonte, dass von einer vollwertigen Zusammenarbeit doch nur zwischen Personen gesprochen werden könne und eher nicht im Fall der menschlichen Nutzung leistungsfähiger technischer Werkzeuge, bei der ein personales Gegenüber nur simuliert werde. In einer Plenarsitzung des 16. Juni fragte Jean-Louis in seiner Keynote „Shaping AI, or being quietly redesigned by it?“ weiter, ob das eigentliche Risiko denn überhaupt darin bestehe, dass KI-Systeme uns falsche Antworten lieferten, und nicht eher darin, dass Akademiker:innen sich künftig damit zufrieden geben könnten, immer wieder Fragen von gestern zu stellen? KI präge zunehmend und zunehmend unreflektiert die Art unseres Denkens und Handelns. Akteure an Hochschulen sollten sich bewusst machen, wie kleine alltägliche Entscheidungen die Hochschulbildung dauerhaft veränderten, ohne dass Lehrende bewusste Entscheidungen darüber getroffen hätten, was sie eigentlich ändern wollten.

In der Mehrzahl der Beiträge wurden unterschiedlichste Facetten der KI-Nutzung in Studium und Lehre erörtert wie nationale bildungspolitische Ansätze zur Unterstützung Studierender in Zeiten generativer KI, Bildung mit, für und über KI, die Lehrendenrolle im Wandel, personalisiertes Lernen, die menschliche Seite von KI in der Bildung, Entwicklungen im Bereich Agentic AI oder Vertrauen im digitalen Zeitalter. Angesichts konvergierender Entwicklungen an vielen Hochschulen war manche inhaltliche Überschneidung dabei unvermeidbar. Ausgewählte Tagungsbeiträge, die sich auf Perspektiven und Anwendungskontexte der Hochschulpolitik, Hochschulgovernance, des Reifegrad-Monitorings, digitaler Lehr- und Prüfungssettings sowie der Kompetenzentwicklung bezogen, sollen nachfolgend resümiert werden.

Eine Gruppe von Lehrenden verschiedener US-Hochschulen aus dem WCET-Verbund (WICHE Cooperative for Educational Technologies) adressierte Fragen der „AI Governance and the Development of AI Literacies in Higher Education“. Die Referent:innen waren in einer teilstandardisierten Erhebung der Frage nachgegangen, wie Leitungen von US-Hochschulen die organisationale KI-Governance ausrichteten und Entscheidungsprozesse zur KI-Regulierung moderierten. Hochschulmanager müssten zwischen den Polen von akutem Handlungsbedarf und Unzulänglichkeiten der KI-Nutzung manövrieren. Es gehe darum, Lehrenden Handlungsspielräume zu erschließen, damit diese selbst informierte Entscheidungen bei der Pilotierung KI-basierter Lehre treffen könnten. Eine umsichtige Governance sei von zentraler Bedeutung, um eine ernstzunehmende KI-Kompetenzentwicklung zu ermöglichen. Auch gehe es darum, dass Lehrenden künftig nicht mehr so sehr die Vermittlung statischen Wissen abverlangt werde, sondern dass es zunehmend um eine dynamische, sich wandelnde Expertise gehe. Die Frage sei, wie Lehrende systematisch dazu angeregt werden können, eine solche, sich wandelnde Expertise zu entwickeln.

Ein Mitarbeiter der irischen „Higher Education Authority“ (HEA), der zentralen Regulierungs- und Planungsbehörde für das Hochschulwesen in Irland, berichtete von Rückmeldungen, die die Behörde von irischen Hochschulen zu Erfahrungen mit der studentischen KI-Nutzung erhalten habe. Charakteristisch seien Statements von Lehrenden gewesen wie: „KI kann den Studierenden plausible Antworten liefern, doch sicher keine kritisch reflektierten. Bedauerlicherweise erkennen viele Studierende diesen Unterschied nicht.“ Sowie: „Oft legen Studierende in Seminaren bestens ausgearbeitete schriftliche Arbeitsergebnisse vor, doch wenn man dazu inhaltliche Nachfragen stellt, haben sie den Stoff inhaltlich gar nicht durchdrungen.“ Der HEA-Vertreter stellte die hochschulpolitischen Rahmensetzungen und die Förderpolitik der Republik Irland vor, darunter zehn Grundsätze der nationalen KI-Adoption, die die HEA entwickelt habe (AI Literacy, Academic integrity, Second-degree plagiarism, Equitable access, AI sovereignty etc.). Die entsprechenden Grundsätze seien in zwei HEA-Dokumenten hinterlegt: Dem „Generative AI in Higher Education Teaching and Learning: Policy Framework“ sowie den „Generative AI in Higher Education Teaching & Learning: Principals for Ethical AI Adoption“.

Eine Forscherin der Informatik-Fakultät der Oslo Metropolitan University berichtete in einem Beitrag „When organizations believe they are digital: An analysis of maturity overestimation among professionals in continuing education“, der in die Shortlist für den Best Paper Award aufgenommen worden war, dass eine qualitative Auswertung schriftlicher Dokumente von 27 Lehrenden in Oslo, die die eigene Digitalkompetenz sehr hoch eingeschätzt hatten, ergab, dass diese überwiegend einen relativ niedrigen Grad an digitaler Reife aufgewiesen hätten. Auf Grundlage genereller technischer Anwendungskenntnisse hätten sie die eigene Digitalkompetenz systematisch überschätzt. Dies trage dazu bei, dass Organisationen oft bei der Digitalisierung stehenblieben, ohne tatsächlich zu einer digitalen Transformation im Engeren zu gelangen. Solche Diskrepanzen ließen sich gut anhand des Konzepts des Osloer „Digital Maturity Perception Gap“ (DMP-Gap) sichtbar machen. Auch künftig werde man es mit unterschiedlich ausgeprägten digitalen Kompetenzen bei Mitarbeiter:innen zu tun haben. Auch die digitalen Fähigkeiten der Führungskräfte einer Organisation spielten dabei eine entscheidende Rolle.

Ein Dozent des Lehr- und Lernzentrums der Universität Amsterdam berichtete von Ansätzen der Generierung von Multiple-Choice-Fragen für das Medizin-Studium, um Lehrende bei diesen Aufgaben zu entlasten. In einer Vergleichsstudie habe sich gezeigt, dass etwa 30 Prozent der KI-generierten Multiple-Choice-Fragen den formalen Ansprüchen der Prüfungsordnung entsprochen hätten. Die von Menschen erstellten Fragen der Vergleichsgruppe wiesen dabei jedoch eine wesentlich größere Spreizung im Schwierigkeitsniveau auf als die KI-generierten Fragen. Es zeige sich, dass KI-Systeme sich nicht für das Prüfen aller Arten von Lehrmaterialien gleichermaßen eigneten (für E-Lectures z. B. eher als für klassische Online-Kurse). KI-basierte Bewertungsansätze hingegen würden gar nicht genutzt, schon allein, da dies zu keiner ausreichenden Ausschöpfung des Notenspektrums führe.

Eine irische Dozentin der Atlantic Technological University berichtete, dass Studierenden ihrer Hochschule durch den Ansatz einer KI-Erprobung in einer Sandbox-Umgebung erfolgreich die Möglichkeit geboten worden sei, neben technischen Anwendungskompetenzen auch ein grundsätzliches Gespür für die Bedeutung kritischen Denkens im KI-Kontext und für ethische und rechtliche Aspekte der KI-Nutzung zu entwickeln. In ausgeprägtem Gegensatz dazu schilderte eine rumänische Ethik-Dozentin der Babes-Bolyai Universität die großen Herausforderungen, die an der Fakultät für Politik-, Verwaltungs- und Kommunikationswissenschaften ihrer Hochschule in Zusammenhang mit der ubiquitären studentischen KI-Nutzung aufgetreten seien. Manche Lehrende neigten dazu, konsequent zu analogen, nicht-digitalen Medien zurückzukehren, und doch lasse sich dadurch die tiefgreifende Erosion der Vertrauensbeziehung zwischen Lehrenden und Studierenden kaum aufhalten. Unter Lehrenden dominiere der ernüchternde Eindruck, dass das ausgiebige Bemühen um die medienkritische Reflexionsfähigkeit von Studierenden allgemein wenig Wirkung zeige.

Im HIS-HE-Beitrag „Human-AI Collaboration at German-Speaking Universities. Identifying Critical Gaps for Targeted Improvements“ stellte Klaus Wannemacher am 16. Juni Ergebnisse der zweiten HIS-HE-Schwerpunktstudie Digitalisierung der Hochschulen im deutschsprachigen Raum vor, die auch Analysen zum Stand der Auseinandersetzung der Hochschulen mit generativen KI-Anwendungen umfasst, sowie der Studie „Die KI-Nutzung in Studium und Lehre. Ein Review auf Grundlage empirischer Studien“, die HIS-HE 2025/2026 im Auftrag des Hochschulforums Digitalisierung durchgeführt hat. Im Mittelpunkt des Beitrags standen unter anderem die Fragen, in welcher Weise sich die Mensch-KI-Kooperation bei Studierenden und Lehrenden unterscheidet, welche fachspezifischen Differenzen sich bei der Nutzung zeigen und wie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI im Bereich des Lernens und Lehrens zum Nutzen der Hochschulen gestaltet werden kann. In der Diskussion wurden Perspektiven einer Umstellung von Prüfungen und Assessments unter dem Einfluss der zunehmenden studentischen KI-Nutzung auf prozessbezogene oder mündliche Prüfungssettings erörtert.

Museum für Naturgeschichte und Wissenschaft der Universität Porto

In verschiedenen „Action Labs“ der Tagung wurde ein Raum zum Austausch über aktuelle Forschungsprojekte zwischen EDEN-Mitgliedern geschaffen, wurden bewährte Lösungen vorgestellt oder ausgewählte methodische Ansätze für institutionellen Wandel an den Hochschulen anhand konkreter Anwendungsfälle exemplarisch durchgespielt.

Im „Closing panel“, in dem fünf Berichterstatter:innen ihre Tagungseindrücke bündelten, wurden unter anderem pointierte Referenten-Statements in Erinnerung gerufen wie „Wie können Hochschulen zu einer Balance zwischen der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Arbeit mit KI und der Langsamkeit des kritischen Denkens gelangen?“ Auch sei, anknüpfend an die Philosophin Hannah Arendt, der Begriff der „Natalität“ neu zu denken, das heißt die menschliche Grundfähigkeit, in wechselnden Lebenssituation – wie nunmehr dem Leben in Zeiten generativer KI – einen neuen Anfang zu machen und das eigene Handeln neu auszurichten. Schließlich gelte jedoch auch die Maxime: Ohne zu klettern, gelange man nicht in den Genuss der schönen Aussicht. Gerade Lehrende müssten sich auch in diesen Zeiten die menschliche Handlungsfähigkeit bewahren.

Während die Psychologische und Bildungswissenschaftliche Fakultät der Universität als Veranstaltungsort der EDEN-Jahrestagung weit im eher unscheinbaren Norden der Stadt Porto lag, bot das Begleitprogramm der Konferenz die Möglichkeit, einige Eindrücke von der berühmten Altstadt Portos mit ihrem repräsentativen historischen Baubestand zu erhalten, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, darunter auch das Hauptgebäude der Universität. Das Begleitprogramm, darunter ein Empfang auf der Panorama-Dachterrasse der Fakultät für Medizin und Biomedizinische Wissenschaften (ICBAS, Edifício Abel Salazar), einem Altbau der Universität, sowie eine dreistündige Bootsfahrt samt Galadinner auf dem Douro, boten eine wertvolle Gelegenheit, die tagsüber geknüpften internationalen Kontakte zu vertiefen.

Angesichts der thematisch außerordentlich lohnenden EDEN-Jahrestagung, die wertvolle Möglichkeiten der Vernetzung im europäischen Hochschulraum bot, fiel besonders auf, dass Beiträge von deutschsprachigen Hochschulen (mit Ausnahme mehrerer DHBW-Standorte, der Universität Bremen, der International University, der ZHAW Winterthur und weniger anderer) zuletzt – anders als in früheren Jahren – bei EDEN-Tagungen eher unterrepräsentiert sind. Die kommende Jahrestagung, die vom 4. bis 6. Juli 2027 an der ZHAW Winterthur ausgerichtet wird, bietet eine günstige Gelegenheit, künftig wieder zu einer etwas anderen geografischen Gewichtung zu gelangen.


Bildquelle: Eigene Aufnahmen HIS-HE


Dr. Klaus Wannemacher