Seit Jahren treten bei der Digitalisierung der Hochschulen durch Anlässe wie die rasante Entwicklung generativer KI-Systeme, Cyberangriffe auf Hochschulen und Folgen der COVID-19-Pandemie in rascher Abfolge neue Herausforderungen auf. Die digitale Transformation verändert Forschungs-, Lehr-/Lern- und Verwaltungsprozesse an den Hochschulen nachhaltig und ist zu einer Daueraufgabe geworden, die neben mittel- bis langfristigen Umstellungsmaßnahmen zunehmend auch von kurzfristig auftretenden Handlungsbedarfen geprägt ist. Da sich Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung von Forschungs-, Lehr-/Lern- und Verwaltungsprozessen an Hochschulen in Deutschland im Vergleich mit den europäischen Nachbarländern verlässlicher einordnen und beurteilen lassen, hat HIS-HE eine Befragung an Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt, die neben der Digitalisierung in Forschung, Studium und Lehre sowie der Verwaltung auch Aspekte wie Strategie und Governance, digitale Infrastruktur, IT-Security, Künstliche Intelligenz sowie politische und rechtliche Rahmenbedingungen der Digitalisierung umfasst. Diese Befragung, die an eine erste, von der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) beauftragte Schwerpunktstudie „Digitalisierung der Hochschulen“ (Gilch et al., 2019) anschließt, ermöglicht zudem für die Hochschulen in Deutschland differenzierte Vergleiche zum Digitalisierungsstand kurz vor der COVID-19-Pandemie.
Von 645 in den drei großen Ländern des deutschen Sprachraums befragten Hochschulleitungen beteiligten sich 175 an der Online-Erhebung. Während für viele Bereiche deutliche Übereinstimmungen bei dem Stellenwert und Stand der Digitalisierung im D-A-CH-Raum erkennbar werden, zeigen sich doch in ausgewählten Bereichen gravierende Unterschiede zwischen den drei betrachteten Hochschulsystemen, die darauf hindeuten, dass es nicht für alle Kernaufgabenfelder der Hochschulen den einen „D-A-CH-Standard“ der Digitalisierung gibt. Dies betrifft insbesondere den Bereich der Verwaltungsdigitalisierung, für den Hochschulleitungen in Deutschland, zumindest in der Gesamtbewertung des Umsetzungsstands, zu eher skeptischen Einschätzungen gelangen. Das österreichische Hochschulsystem sticht demgegenüber bei der Digitalisierung für die Verwaltung unter anderem durch höhere Reifegrade und höhere KI-Nutzungswerte deutlich hervor. Während sich österreichische Hochschulen im Durchschnitt auf einer Fünfer-Skala (von 0 = Stand ist gar nicht fortgeschritten bis 5 = Stand ist in sehr hohem Maß fortgeschritten) bei einem Wert von 3,46 verorten, erreichen deutsche Hochschulen im Durchschnitt einen Wert von 2,69. Ähnlich prägnante Abweichungen zeigen sich weder in den Bereichen Forschung noch Studium und Lehre. Dieser Befund scheint auf typische „Zweite-Welle“-Probleme an deutschen Hochschulen hinzudeuten: Medienbrüche zwischen Systemen, fehlende Schnittstellen, unzureichende Datenqualität und Nachholbedarfe bei der Prozessharmonisierung.
Ausgeprägte Abweichungen sind auch bei der Entwicklung und Modernisierung digitaler Infrastrukturen erkennbar. Im Hinblick auf die Konsolidierung von IT-Dienstleistungen, den Ausbau der Hardware-Infrastrukturen oder die Etablierung von Campus- und Lernmanagementsystemen ist vieles an Hochschulen seit Jahren in der Breite umgesetzt. Die größten Fortschritte seit 2019 zeigen sich bei forschungsnahen Systemen (z. B. Forschungsdatenmanagement, auch Ressourcenmanagement). Auch in diesem Feld sind die österreichischen (und auch schweizerischen) Hochschulen deutlich weiter als die Hochschulen in Deutschland, bei denen noch Nachholbedarf im Zusammenspiel vielfältiger Systeme, dem verlässlichen Transfer von Daten und dem Aufsetzen medienbruchfreier Prozesse zu bestehen scheint.
Bei dem Thema „Einsatz von Künstlicher Intelligenz“ zeigt sich in der Momentaufnahme der Studie in Anbetracht eines äußerst dynamischen Entwicklungspfads ein eher vorsichtiger, explorativer, wenn nicht gar unsicherer strategischer Umgang der Hochschulen, wenn auch an rund zwei Dritteln der deutschen Hochschulen bereits Konzepte für den Einsatz von KI für das Lehren und Lernen entstanden sind. KI-Anwendungen werden bislang vor allem in Studium und Lehre strategisch aufgegriffen, an Hochschulen in Deutschland häufig in Form der Bereitstellung von Basisinfrastrukturen, der Vermittlung grundlegender KI-Kompetenzen für Lehrende und der Erprobung ausgewählter Anwendungen. In der Verwaltung bleibt der Einsatz generativer KI-Anwendungen stärker begrenzt und auf risikoarme Anwendungsfälle wie KI-basierte Übersetzungen und die Textgenerierung fokussiert. Die Trends in diesem Bereich ähneln sich tendenziell in den drei untersuchten Ländern – insgesamt sind aber Österreich und auch die Schweiz im Einsatz von KI-Tools weiter vorangeschritten.
Auch im Hinblick auf digitale Infrastrukturen zeigen sich punktuell Abweichungen zwischen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Bereich der IT-Security war mit 43 % ein erheblicher Teil der Hochschulen in Deutschland bereits von Cyber-Angriffen – teils mit gravierenden und langanhaltenden Folgen – betroffen, schweizerische und insbesondere österreichische Hochschulen dagegen bislang seltener. Auch leichtere Angriffe ziehen vielfach längere Folgen nach sich. Hochschulen in Deutschland scheinen auf die insgesamt eher hohe Frequenz solcher Angriffe schrittweise zu reagieren. Hochschulleitungen in Deutschland berichten von einem sukzessiven Ausbau von Schutzmaßnahmen insbesondere technischer, doch auch organisatorischer und sensibilisierender Art, so dass sich beispielsweise mehr als die Hälfte der deutschen Hochschulen mittlerweile gut auf solche Angriffe vorbereitet sieht.
Dennoch ist festzuhalten, dass der Stellenwert und Stand der Digitalisierung an den Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz in weiten Bereichen erhebliche Übereinstimmungen aufweisen. Die Hochschulen befinden sich mitten in einer Phase der Integration, Konsolidierung und institutionellen Reife. Die durch die COVID-19-Pandemie bedingten Umstellungen sind mittelfristig am stärksten dem Bereich Studium und Lehre zugutegekommen, während in den Bereichen Forschung und insbesondere Verwaltung (mit einer Ausnahme bei den österreichischen Hochschulen für die Verwaltung) teilweise noch Nachholbedarfe erkennbar sind. Die verstärkte Nutzung von KI-Anwendungen dürfte in allen Bereichen tendenziell zu weiteren Anpassungen auf strategischer, infrastruktureller und prozessbezogener Ebene führen.
In Anbetracht punktueller Differenzen zwischen den Hochschulsystemen des D-A-CH-Raums zeichnen sich in ausgewählten Bereichen wie der Verwaltungsdigitalisierung oder der strategischen Adressierung der KI-Nutzung – in Österreich ist die Anzahl der Hochschulen mit bereits abgeschlossenen oder in Erarbeitung befindlichen schriftlichen KI-Konzepten durchwegs höher als an schweizerischen und vor allem an deutschen Hochschulen – ganz unterschiedliche Handlungsbedarfe ab. Der vollständige Schlussbericht der aktuellen Studie lässt sich kostenlos hier abrufen: https://his-he.de/wp-content/uploads/2026/09/HIS-HE_Forum_3_2026_Digitalisierung_Hochschulen.pdf. Eine Möglichkeit, den angeführten landesspezifischen Unterschieden und deren Ursachen nachzugehen, wird das „Forum Digitalisierung 2026: Souverän vernetzt – Hochschulen im digitalen Wandel“ bieten, das HIS-HE am 26. und 27. November 2026 in Hannover ausrichtet. Die Veranstaltung richtet sich insbesondere an Hochschulleitungen, CIOs sowie IT- und Rechenzentrumsleitungen an der Schnittstelle von strategischer Steuerung und technischer Umsetzung. Drei Themenfelder werden im Mittelpunkt stehen: Kooperation und Netzwerke, IT- und Cybersicherheit sowie Digitale Souveränität. Anhand von Beispielen aus Deutschland und den Nachbarländern sollen Perspektiven erweitert und Raum zum Voneinander-Lernen geboten werden.
Bildquelle: HIS-HE/Mahdi Soheili-unsplash

