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HIS-HE Blog

Nachhaltigkeit

Realität der Klimaneutralität – Oder: Die Grenzen der CO2-Kompensation

Wir beschäftigen uns zurzeit viel mit der Idee von Klimaneutralität. Das Konzept ist einerseits sehr gut greifbar, da es sich auf eine zentrale Kenngröße bezieht – CO2-Emissionen oder genauer gesagt CO2-Äquivalente, also alle Treibhausgasemissionen, umgerechnet in CO2 (dann so geschrieben: CO2e). Und dieser Wert soll 2045 in Deutschland bei null liegen, zumindest netto, wenn die sogenannten Negativemissionen aus Treibhausgassenken berücksichtigt werden.

Aktuell haben neun Bundesländer Vorgaben zur Klimaneutralität in den Landesklimaschutzgesetzen verankert, wobei den Landesverwaltungen eine Vorbildfunktion zukommt, durch die sie sich schon früher als 2045 zur Klimaneutralität verpflichten. Und so kommt es, dass auch viele deutsche Hochschulen, sofern sie als öffentliche Einrichtungen offiziell Teil der Landesverwaltung sind, in den nächsten Jahren klimaneutral werden müssen. In Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen zum Beispiel schon bis 2030 (einen ausführlichen Artikel über die Klimaneutralität der Hochschulen gibt es im nächsten HIS-HE: Magazin (April/Mai 2023).

Andererseits gibt es bei dem Ziel Klimaneutralität viele Unklarheiten. Können alle Emissionen erfasst und bilanziert werden? Können wir wirklich emissionsfrei leben? Oder mal ganz direkt gesagt: Wie soll das gehen? Die Frage, ob wir wirklich emissionsfrei leben können, kann aktuell nur mit Nein beantwortet werden. Deshalb muss, um klimaneutral zu werden, ein Teil der Emissionen kompensiert werden. Emissionen zu kompensieren heißt, sie auszugleichen, durch Klimaschutzprojekte, die an anderer Stelle Emissionen einsparen. Diese Projekte werden mit Kompensationszertifikaten bilanziert, die vom Kompensierenden gekauft werden und so die eigenen Emissionen zumindest bilanziell reduzieren – und theoretisch auf null setzen können. Das altbekannte Mantra lautet dabei Vermeiden-Reduzieren-Kompensieren. Kompensation ist also aktuell eine Notlösung für die nicht-vermeidbaren Emissionen und eine Übergangslösung auf dem Weg zu einer wahren klimaneutralen Gesellschaft.

Nun ist es ja nicht so, dass Hochschulen noch nichts in den Bereichen Vermeiden und Reduzieren getan haben. Im Gegenteil: Es gibt mittlerweile 54 Hochschulen mit einem Green Office, 36 Hochschulen haben mindestens einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht und 24 Hochschulen ein integriertes Klimaschutzkonzept erstellt – sieben weitere sind außerdem gerade dabei (eine genaue Bestandsaufnahme folgt im nächsten HIS-HE Mitteilungsblatt). Machen wir also ein Gedankenexperiment: Was, wenn die deutschen Hochschulen von heute auf morgen klimaneutral werden müssten und, anhand fehlender Alternativen, dabei auf den Kauf von Kompensationszertifikaten zurückgreifen müssten?

Die erste Frage, die sich dabei stellt, ist: Wie viele Treibhausgasemissionen stößt eigentlich eine Hochschule aus? Valls-Val und Bovea (2021) nennen für die Region Europa einen Jahreswert von 2,25 t CO2e je Student:in. Natürlich ist es schwierig bis unmöglich, diesen Wert zu verifizieren, vor allem, weil Scope 3-Emissionen (indirekte Emissionen, die über die Erfassung von Energieverbrächen hinaus gehen) nicht einheitlich bilanziert werden. HIS-HE bilanziert für Hochschulen und Forschungseinrichtungen regelmäßig die direkten und indirekten Emissionen aus Energieverbräuchen (im Wesentlichen Scopes 1 und 2). Durchschnittlich ergibt sich dabei ein Wert von etwa einer halben Tonne CO2e je Student:in. Das Carbon Disclosure Project gibt an, dass der Anteil von Scope 3-Emissionen bei Unternehmen durchschnittlich 75 % ausmacht. So kämen wir insgesamt auf 2,15 t je Student:in. Nach diesem verzweifelten Versuch der Verifizierung rechnen wir also mit dem Wert von Valls-Val und Bovea (2021) von 2,25 t je Student:in weiter.

In Deutschland gibt es laut der Hochschulrektorenkonferenz 2.916.950 Studierende (hochsschulkompass.de). So ergäbe sich für deutsche Hochschulen ein Gesamtwert von jährlich 6.563.138 t ausgestoßenen CO2e. Gängige Marktanbieter berechnen aktuell etwa 25 €, um eine Tonne CO2 zu kompensieren (Klima-kollekte.de). Das heißt, jährlich würden 164 Mio. € für die Kompensation von Treibhausgasemissionen anfallen. Finanziell klingt das jetzt zwar ungemütlich, aber theoretisch (nach deutscher Wumms-Politik) durchaus machbar. Doch würde es auch aus logistischer Sicht funktionieren? Das klassische Beispiel eines Kompensationsprojektes ist das Pflanzen von Bäumen. In der Praxis wird das von Anbietern wie atmosfair gar nicht mehr angeboten, eben weil nicht garantiert werden kann, dass der gepflanzte Baum nicht nach zwei Jahren abbrennt oder krank wird. Aber weil es so anschaulich ist, arbeiten wir trotzdem mal damit weiter.

Laut co2online bindet eine Buche jährlich 12,5 Kilogramm CO2. Mit 80 Bäumen könnte man also jährlich eine Tonne CO2 kompensieren (auch wenn die Bindung erst nach Jahren des Wachstums stattfindet, aber gut, den Anspruch auf ein wirklich seriöses Forschungsergebnis hat dieser Beitrag ohnehin schon verloren, äh, nie gehabt). Das heißt, um die Treibhausgasemissionen von deutschen Hochschulen zu kompensieren, müssten jährlich 525 Mio. Bäume gepflanzt werden. Haben wir dafür Platz? Ein Baum benötigt etwa eine Fläche von 25 m2 (Regenwald-schützen.de). Um 525 Mio. Bäume zu pflanzen, bräuchten wir also eine Fläche von 13.126 km2. Das sind 3,67 % der deutschen Landesfläche, die wir jedes Jahr bepflanzen müssten. In Deutschland sind aber schon 32 % der Landesfläche Wald (BMEL 2018). Und auf dem Wasser können wir auch keinen Baum pflanzen. Insgesamt wird das eng. Aber meistens werden ja ohnehin Kompensationsprojekte im Ausland finanziert.

Dieses Rechenbeispiel ist alles andere als belastbar und natürlich nicht ganz ernst gemeint. Die Intention ist eine möglichst plakative Darstellung, was allein die Kompensation von Treibhausgasemissionen an Hochschulen für Ressourcen an Kosten und Flächen bedeuten würden. Das einfach auch, um die Grenzen der Notlösung CO2-Kompensation auf dem Weg zur Klimaneutralität aufzuzeigen. Wir haben übrigens, weil es so viel Spaß gemacht hat, die Rechnung für ganz Deutschland wiederholt: Um die gesamten Emissionen Deutschlands zu kompensieren (762 Mio. t CO2e im Jahr 2021) (Umweltbundesamt 2022), müsste insgesamt das Vierfache der deutschen Landesfläche mit Bäumen bepflanzt werden. Jährlich. Auch wenn in den nächsten Jahren sicherlich noch viele Projekte in den Bereichen Vermeiden und Reduzieren umgesetzt werden, wird die Diskussion um die Kompensation von Treibhausgasemissionen zur Erreichung von Klimaneutralität uns sicher schon bald noch ausgiebig beschäftigen.

Literatur:

– Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2018): Der Wald in Deutschland. Verfügbar unter: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/bundeswaldinventur3.pdf__blob=publicationFile&v=3. [03.04.2023].

– CDP Technical Note: Relevance of Scope 3 Categories by Sector. Verfügbar unter: https://cdn.cdp.net/cdp-production/cms/guidance_docs/pdfs/000/003/504/original/CDP-technical-note-scope-3-relevance-by-sector.pdf?1649687608. [03.04.2023].

– Co2online: Wie viele Bäume braucht es, um eine Tonne CO2 zu binden?: https://www.co2online.de/service/klima-orakel/beitrag/wie-viele-baeume-braucht-es-um-eine-tonne-co2-zu-binden-10658/. [03.04.2023].

– Hochschulkompass: Download Hochschullisten. https://www.hochschulkompass.de/hochschulen/downloads.html.

– Klima-Kollekte: Kosten einer Tonne CO2: https://klima-kollekte.de/kompensieren/kosten-einer-tonne-co2. [03.04.2023].

– Regenwald schützen: „Wie viel ist das in Bäumen?“ – Beispielrechnung: https://www.regenwald-schuetzen.org/fileadmin/user_upload/pdf/Projekt/Weil-wir/Papier/weil-wir-es-wert-sind-wie-viel-in-baeumen.pdf [03.04.2023].

– Umweltbundesamt (2022): Treibhausgas-Emissionen in Deutschland. Verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/treibhausgas-emissionen-in-deutschland. [03.04.2023].

– Valls-Val, K. & Bovea, Maria D. (2021): Carbon footprint in Higher Education Institutions: a literature review and prospects for future research. Verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s10098-021-02180-2. [03.04.2023].

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