Impulse der internationalen Konferenz „Sustainability in Higher Education: Between Transformation and Vibe Shifts“ an der Freien Universität Berlin
Nachhaltigkeit war an Hochschulen in den vergangenen Jahren vielerorts mit Aufbruch verbunden: Strategien wurden entwickelt, Klimaschutzziele formuliert, Projekte gestartet und Zuständigkeiten geschaffen. Vieles davon entstand in einer Phase, in der Nachhaltigkeit politisch und gesellschaftlich starken Rückenwind hatte.
Heute ist dies nicht mehr überall selbstverständlich. Finanzielle Spielräume werden enger, andere Themen drängen nach vorn und Nachhaltigkeitsmaßnahmen müssen sich häufiger gegen konkurrierende Anforderungen behaupten. Gerade deshalb wird die Frage interessant, was eigentlich trägt, wenn Prioritäten wechseln.
Diese Frage stand auch hinter der internationalen Konferenz „Sustainability in Higher Education: Between Transformation and Vibe Shifts“, die vom 21. bis 23. September 2026 an der Freien Universität Berlin stattfand. Rund 150 Teilnehmende aus Wissenschaft und Hochschulmanagement aus 23 Ländern kamen auf dem Campus Dahlem zusammen. Bei spätsommerlichem Wetter wurde nicht nur in den Workshops diskutiert – viele Gespräche setzten sich in den Pausen und draußen auf dem Campus fort.
Besonders spannend war die internationale Breite. Vertreten waren unter anderem das Massachusetts Institute of Technology, die University of Edinburgh, die University of Helsinki, die University of Copenhagen und die KU Leuven. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich je nach Land und Hochschule zum Teil erheblich – viele der grundlegenden Fragen sind jedoch erstaunlich ähnlich.
Der Begriff „Vibe Shift“ bringt eine dieser Fragen auf den Punkt: Was passiert mit ambitionierten Nachhaltigkeitszielen, wenn der gesellschaftliche und politische Rückenwind nachlässt?
Viele Hochschulen verfügen heute über Nachhaltigkeitsstrategien, Klimaschutzkonzepte oder konkrete Zielsetzungen. Das ist eine wichtige Grundlage. Entscheidend wird es aber dort, wo Zielkonflikte entstehen.
Welche Rolle spielen Nachhaltigkeitsziele bei Bau- und Sanierungsentscheidungen? Wie werden sie bei Beschaffung, Forschung oder Lehre berücksichtigt? Und was passiert, wenn Ressourcen knapp sind und andere Aufgaben kurzfristig wichtiger erscheinen?
Genau an diesen Stellen zeigt sich, welches Gewicht Nachhaltigkeit im Hochschulalltag tatsächlich erhält.
Besonders spannend waren für mich die internationalen Diskussionen zur Sustainability Governance. Trotz sehr unterschiedlicher Hochschulsysteme ging es immer wieder um ähnliche Fragen: Wer trägt Verantwortung? Wo werden Entscheidungen getroffen? Und wie lässt sich sicherstellen, dass Nachhaltigkeitsziele nicht nur formuliert, sondern auch verbindlich umgesetzt werden?
Dabei wurde deutlich, dass es weniger darum geht, immer neue Projekte aufzusetzen, als vorhandene Ziele, Zuständigkeiten und Instrumente besser miteinander zu verbinden.
Das ist gerade an Hochschulen anspruchsvoll. Fakultäten, Verwaltung, Hochschulleitung, Forschungseinrichtungen und Studierende haben unterschiedliche Rollen, Interessen und Handlungsspielräume. Der Whole Institution Approach greift diese Vielfalt auf: Nachhaltigkeit soll nicht bei einer einzelnen Stelle verbleiben, sondern in unterschiedlichen Bereichen der Hochschule mitgedacht werden.
Im internationalen Austausch wurde zugleich deutlich, wie unterschiedlich Hochschulen organisiert sind. Größe, Finanzierung, Autonomie und Entscheidungswege unterscheiden sich zum Teil erheblich.
Gerade deshalb sind Ansätze interessant, die nicht mit einer fertigen Standardlösung starten. Ein Beispiel ist das Audit „Nachhaltigkeit an Hochschulen“ der Hochschulrektorenkonferenz (HRK-Audit „Nachhaltigkeit an Hochschulen“ | traNHSform). Es verbindet interne Selbstreflexion mit einer externen Peer-Perspektive und richtet den Blick auf Governance, Strategie und Organisationsstrukturen.
Der Gedanke dahinter ist pragmatisch: Erst verstehen, wie die eigene Hochschule funktioniert – und dann überlegen, welche Strukturen tatsächlich passen.
Auch die Kommunikation gewinnt in Zeiten eines „Vibe Shift“ an Bedeutung. Wenn Nachhaltigkeitsziele stärker begründet werden müssen, reicht es nicht, nur Erfolge sichtbar zu machen. Interessant wird es bei Verzögerungen, Zielkonflikten oder knappen Ressourcen. Dann zeigt sich, ob Kommunikation glaubwürdig bleibt. Was funktioniert? Was nicht? Und wo müssen Hochschulen Prioritäten neu sortieren?
Mehr Offenheit kann dabei helfen, Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen und Erwartungen realistischer einzuordnen.
Für mich bleibt aus Berlin vor allem eine Frage hängen: Nicht, ob Nachhaltigkeit weiterhin wichtig ist, sondern wie gut sie in Hochschulen verankert ist, wenn andere Themen lauter werden.
Der internationale Austausch hat gezeigt, dass die konkreten Lösungen sehr unterschiedlich aussehen können. Die dahinterliegenden Fragen ähneln sich jedoch über Hochschulsysteme hinweg. Eine davon ist besonders zentral: Wie belastbar ist die Verankerung von Nachhaltigkeit, wenn Rahmenbedingungen schwieriger werden und andere Prioritäten an Bedeutung gewinnen?
Dann zeigt sich, ob Nachhaltigkeit vor allem von engagierten Einzelpersonen und günstigen Rahmenbedingungen lebt – oder ob sie tatsächlich Teil von Strukturen und Entscheidungen geworden ist.
Für die Hochschulentwicklung bedeutet das vor allem, Nachhaltigkeitsziele stärker mit bestehenden Prozessen und Entscheidungsstrukturen zu verbinden. Entscheidend ist dabei ihre Verbindlichkeit im Hochschulalltag – und die Frage, welches Gewicht Nachhaltigkeit erhält, wenn Prioritäten miteinander konkurrieren.
Vielleicht beginnt genau dort die nächste Phase nachhaltiger Hochschulentwicklung.
Weitere Informationen zur Konferenz unter: Sustainability In Higher Education Conference • Freie Universität Berlin.
Die Bildrechte liegen bei: Christian Demarco

