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Hochschulinfrastruktur, Veranstaltungen

Gesundheit im fokus von hochschulen

Für Gesundheit an Hochschulen braucht es mehr als Einzelmaßnahmen – es braucht einen nachhaltigen Kulturwandel. Die Grundlagen dafür schaffen ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement, gesunde Führung, die feste Verankerung und Verstetigung von Gesundheitsförderung sowie eine starke Vernetzung aller Akteur:innen. Es ist jetzt an der Zeit, Gesundheit als strategisches Handlungsfeld gemeinsam zu gestalten.

Von einem gesundheitsförderlichen Kulturwandel an Hochschulen profitieren Alle.

Am 10. und 11. Juni konnten wir an zwei anregenden Fachtagungen in Hannover teilnehmen, die den Blick auf das Thema Gesundheit an Hochschulen richteten.

Die Teilnehmenden waren an beiden Tagen überwiegend identisch und bilden eine Community aus Gesundheitsmanager:innen, die Gesundheit nicht nur thematisieren, sondern mit Leben füllen. Eine abwechslungsreiche Gestaltung der Programmpunkte und Angebote zur Selbstfürsorge wurden während der zwei Tage positiv von den Teilnehmenden angenommen. Besonders gut gefallen haben uns die vielen Tipps und Anregungen, die wir mitnehmen konnten. Dazu gehörten die Statements der Gesundheitsexpert:innen, die aus ihrer Praxis berichteten und gut veranschaulichten, wie Ganzheitliches Gesundheitsmanagement und Gesunde Führung gelingen können. Aber auch die persönlichen Gesundheitshacks der Akteur:innen (5-Minuten-Morgengymnastik im Bett, Glas Wasser morgens trinken, Naturgeräusche während der Arbeitszeit) führten zu einer offenen Atmosphäre, die den Austausch untereinander förderten.

Ganzheitliches Hochschulisches Gesundheitsmanagement

Die Fachtagung am ersten Tag „Hochschulisches Gesundheitsmanagement (HGM) im Fokus – Gesundheit an Hochschulen weitergedacht!“ der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. und der Techniker Krankenkasse hatte sich zum Ziel gesetzt, aktuelle Entwicklungen, vielfältige Ansätze und zukunftsrelevante Veränderungsprozesse aufzuzeigen und neue Impulse für das HGM zu liefern. Wie sich das Thema seit der letzten Veranstaltung im Jahr 2024 weiterentwickelt hat und wie die Veränderung an Hochschulen hin zu einem HGM gelingen kann, zeigten Praxisbeispiele von acht Hochschulen. Dabei wurde aber auch deutlich, dass die Übertragung auf die eigene Hochschule nicht so einfach ist, weil die Strukturen und die Verortung von Gesundheitsmanagement zum Teil sehr unterschiedlich sind. HGM muss bedarfsgerecht sein. Unter diesen Voraussetzungen ist es schwierig, zu einem einheitlichen Verständnis von HGM zu kommen. Entscheidend ist jedenfalls ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem Gesundheit als Querschnittsaufgabe für die gesamte Hochschule gesehen wird. In seiner Video-Grußbotschaft betonte Prof. Dr. Ulrich Bartosch (HRK-Vizepräsident für Lehre, Studium und Lehrkräftebildung) deshalb: „Es geht darum, Gesundheit nicht als Einzelmaßnahme zu verstehen, sondern als integralen Bestandteil der Hochschulentwicklung.“

Prof. Dr. Karlheinz Sonntag (Psychologisches Institut der Universität Heidelberg) fasste die Herausforderungen und die erforderlichen Schritte bei der Entwicklung zum HGM in seiner Keynote prägnant zusammen und gab ein eindeutiges Plädoyer für ein HGM:

  • Zur Vermeidung von Doppelstrukturen und sozialen Spannungen zwischen Statusgruppen ist ein übergeordnetes HGM einzuführen. (Stand 2025: 104 Hochschulen haben BGM, 89 SGM und 45 HGM)
© Gesundheitsfördernde Hochschulen in Deutschland
  • Die HGM-Umsetzung kann entweder idealtypisch erfolgen oder an feste Strukturen und Abläufe angepasst werden.
  • Alle Hochschulmitglieder sind in ein ganzheitliches HGM einzubeziehen.
  • Es bedarf einer kontinuierlichen Bereitstellung finanzieller und personeller Ressourcen.
  • HGM ist in verpflichtende gesetzliche Regelungen auf Bundes- und Landesebene zu integrieren.
  • Die Entwicklung ist begleitet von vielfältigen gesetzlichen Impulsen, Arbeitskreisen, Leitfäden, unterstützenden Akteuren, Verbänden und Forschungsprojekten
  • Aktivitäten zur Gesundheitsförderung und -prävention an Hochschulen werden überwiegend durch die gesetzlichen Krankenkassen (mit)finanziert und beraten.

Prof. Dr. Sonntag wies außerdem darauf hin, dass Führung sehr viel weiter gefasst werden muss. Wer an Führung an Hochschulen denkt, hat z. B. Professor:innen oft nicht sofort im Blick. Dabei tragen sie täglich Verantwortung für Mitarbeitende, wissenschaftliche Teams und komplexe Arbeitsprozesse – auch wenn sie sich selbst häufig nicht als klassische Führungskräfte verstehen. Ihre Rolle bewegt sich im Spannungsfeld von Forschung, Lehre, Drittmittelakquise, Selbstverwaltung und Personalführung und ist mit vielfältigen Anforderungen verbunden. Umso wichtiger wird die Frage: Was brauchen Professor:innen, um in ihrer Führungsrolle handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig Gesundheit aktiv zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigte sich am zweiten Tag die Fachtagung „Gesunde Führung an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen“. Anlässlich der Publikation „Gesunde Führung an Hochschulen“ wurden die Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppe Gesunde Führung des Netzwerks Gesunde Hochschulen Nord vorgestellt und diskutiert. Kooperationspartner waren neben dem Netzwerk, die Techniker Krankenkasse und die Fakultät V der Hochschule Hannover.

Gesunde Führung

Die Vorträge und Diskussionen machten deutlich: Gesundheitsförderung beginnt nicht bei einzelnen Angeboten – sondern bei der Art, wie Führung gelebt wird. Besonders eindrucksvoll zeigte dies der Vortrag von Prof. Dr. Yvette Hofmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU): „Gesundheit im Professorenamt: Herausforderungen erkennen, Gesunde Führung stärken“. Entscheidend ist eine Kultur, in der Gesundheit als Führungsaufgabe verstanden und aktiv vorgelebt wird. Führungskräfte und Professor:innen übernehmen dabei eine wichtige Vorbildfunktion. Wer selbst Pausen einlegt, Grenzen setzt und Unterstützung in Anspruch nimmt, signalisiert anderen: Gesundes Arbeiten ist kein Luxus, sondern selbstverständlich.

Der Druck auf Professor:innen wächst

Wie dringend dieses Umdenken ist, zeigen aktuelle Ergebnisse der PROFESS-Studie: 86 Prozent der Professor:innen sehen ihre psychische Gesundheit durch hohen Zeitdruck, zunehmende Bürokratie und eine immer größere Aufgabenvielfalt gefährdet. Gleichzeitig fällt es vielen schwer, Unterstützung anzunehmen. Noch immer wird dies häufig als Zeichen von Schwäche wahrgenommen – obwohl das Gegenteil der Fall ist. Gesundheit zu fördern, bedeutet auch, eigene Belastungsgrenzen anzuerkennen und Rahmenbedingungen einzufordern, die gesundes Arbeiten ermöglichen. Für Hochschulen bedeutet das beispielsweise, Professor:innen gezielt zu entlasten. Administrative Aufgaben oder die Beantragung von Drittmitteln müssen nicht zwangsläufig von ihnen selbst übernommen werden. Unterstützende Strukturen schaffen Freiräume für die eigentlichen Kernaufgaben in Forschung und Lehre.

„Es geht nicht um Yoga-Kurse.“ – Prof. Dr. Yvette Hofmann, LMU

Gesunde Hochschulen entstehen nicht allein durch Gesundheitskurse oder einzelne Präventionsangebote. Gesundheitsförderung muss immer auch die Arbeitsbedingungen in den Blick nehmen. Wer Belastungen ausschließlich mit individuellen Angeboten begegnet, verschiebt strukturelle Probleme auf die einzelne Person. Ganzheitliches Gesundheitsmanagement setzt deshalb dort an, wo Belastungen entstehen: in Prozessen, Organisationsstrukturen und der gelebten Kultur.

Wie gelingt es, die Führungsebene an Hochschulen für das Thema zu gewinnen?

Dieser Frage widmete sich die interaktive Podiumsdiskussion „Führung als Prämisse für Gesundheit?”, in der Hochschulkanzler:innen und weitere Entscheidungsträger:innen ihre Erfahrungen teilten. Ein praxisnaher Impuls kam von Dr. Uwe Klug (Kanzler der Universität Würzburg). Seine Botschaft: Wer Veränderungen anstoßen möchte, sollte den Einstieg möglichst einfach gestalten. Anstatt mit umfangreichen Konzepten zu beginnen, helfen zunächst „Low Hanging Fruits“, also realistisch umsetzbare Maßnahmen, die schnell sichtbare Erfolge erzielen. Solche ersten Schritte schaffen Vertrauen und machen den Nutzen eines systematischen Gesundheitsmanagements erlebbar. Ebenso wichtig ist der persönliche Austausch. Kanzler:innen und Hochschulleitungen sind grundsätzlich offen für neue Ideen und schätzen den Dialog mit engagierten Akteur:innen. Entscheidend ist jedoch, den Mehrwert klar zu vermitteln. Gesundheitsmanagement sollte nicht nur als soziale oder gesundheitliche Aufgabe, sondern auch als strategischer Erfolgsfaktor verstanden werden. Gesunde Arbeitsbedingungen können Fehlzeiten reduzieren, die Leistungsfähigkeit stärken und langfristig Kosten senken – ein Nutzen, der auch aus Sicht der Hochschulleitung überzeugt.

Die Diskussion machte deutlich: Wer Gesundheit als Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Hochschule versteht und konkrete, umsetzbare Lösungen anbietet, erhöht die Chancen, die Führungsebene als Mitgestalterin für einen nachhaltigen Kulturwandel zu gewinnen.

Fazit: Gesundheit als strategische Aufgabe der gesamten Hochschule

Ein roter Faden zog sich durch beide Fachtagungen: Gesundheit ist kein individuelles Randthema, sondern eine gemeinsame Verantwortung der gesamten Hochschule. Exzellente Lehre und Forschung entstehen nur dort, wo Menschen unter guten Bedingungen arbeiten, lernen und forschen können. Oder, wie Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs (Vizepräsidentin der RPTU Kaiserslautern-Landau) es auf den Punkt brachte:

„Exzellente Lehre und Forschung geht nur mit exzellenten Menschen, die gesund sind.“

Ein nachhaltiger Kulturwandel gelingt deshalb nur, wenn Gesundheitsmanagement an Hochschulen ganzheitlich gedacht wird. Gesundheit sollte dauerhaft in den Strukturen der Hochschule verankert werden – etwa im Leitbild, in Führungsgrundsätzen und Zielvereinbarungen. Dabei geht es auch darum, psychische Gesundheit zu enttabuisieren, gesundheitsförderliche Führung als Führungsaufgabe zu verstehen und vorhandene Netzwerke zu nutzen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass Gesundheit neben Themen wie Nachhaltigkeit und Diversität nicht in Konkurrenz zu anderen Querschnittsaufgaben steht. Im Gegenteil: Diese Themen ergänzen sich und tragen gemeinsam dazu bei, Hochschulen als zukunftsfähige, attraktive und gesunde Arbeits- und Lernorte zu gestalten.

Als zentrales Fazit der Veranstaltung bleibt: Gesundheit ist keine Aufgabe des Einzelnen, sondern der gesamten Hochschule. Vielmehr sind die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass gesundes Arbeiten, Lehren, Lernen und Forschen selbstverständlich möglich werden. Gesundheit ist damit kein „Nice-to-have“, sondern eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige, leistungsfähige und gesunde Hochschule.

Links zu weiteren interessanten Hinweisen:

Gruppenbild des Workshops „HGM im Fokus – Gesundheit an Hochschulen weitergedacht!“

Titelbild: iStock_ktasimarr_921644532


Carina Koska