Was haben Lissabon und Gießen gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig und doch stand ich innerhalb weniger Tage an beiden Orten vor Gruppen von Hochschulangehörigen und diskutierte dieselbe Grundfrage: Wie lassen sich Wirkungen der Förderung von Lehrentwicklung erfassen?
In Lissabon war es das European Learning & Teaching Forum 2026 der European University Association (EUA), das am 12. und 13. Februar an der Universidade Católica Portuguesa stattfand. Unter dem Motto „Impactful Staff Development for Educational Transformation“ kamen Lehrende, Leitungspersonen und Mitarbeitende hochschuldidaktischer Supporteinrichtungen aus ganz Europa zusammen, um darüber nachzudenken, wie die gezielte Begleitung und Qualifizierung von Lehrenden zur Transformation von Studium und Lehre beitragen können. Gemeinsam mit drei Kolleginnen habe ich in diesem Rahmen einen Workshop angeboten: Christiane Jost von der Hochschule RheinMain, Anne Lequy von der Hochschule Magdeburg-Stendal und Antje Mansbrügge von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Was uns verbindet, ist Lehre hoch n, das bundesweite Netzwerk zur Förderung von Hochschullehre – und die Überzeugung, dass die Frage nach Wirkungen auf unterschiedlichen Ebenen des Hochschulsystems gleichzeitig gestellt werden muss: auf der Ebene der Hochschulpolitik und Förderstrukturen, auf der Ebene institutionenübergreifender Zusammenarbeit und auf der Ebene einzelner Hochschulen.
In Gießen war die Ausgangslage eine andere, aber die Kernfrage dieselbe. In einem Workshop an der Technischen Hochschule Mittelhessen waren vier hessische Hochschulen für Angewandte Wissenschaften vertreten, die alle am Programm „Hohe Qualität in Studium und Lehre, gute Rahmenbedingungen des Studiums“ (QuiS) des hessischen Ministeriums mitwirken und in den letzten Jahren ein Studium der angepassten Geschwindigkeit(SaG) ein- bzw. weitergeführt haben. Die SaG-Projekte unterstützen Studieneinsteiger:innen in Form einer verlängerten Studieneingangsphase, die Raum für Mentoring, studienorganisatorische Beratung und fachliche Begleitung schafft. Im Workshop sollten Erkenntnisse aus der mehrjährigen Projektarbeit sichtbar gemacht werden, sowohl für die eigene Weiterentwicklung als auch für externe Adressat:innen. Zwar wissen die Projektteams aus der Praxis, inwieweit ihre Angebote wirken – aber wie lässt sich das zeigen?
Was beiden Veranstaltungen gemeinsam war: die Kritik an der Vorstellung, dass Wirkung vor allem dann zählt, wenn sie in standardisierten Kennzahlen oder kontrollierten Studien nachgewiesen werden kann. Als Alternative diente in beiden Kontexten der Ansatz von Bamber und Stefani (2016), die mit „evidencing“ das Zusammenführen von lokalen Evaluationsdaten, wissenschaftlichen Befunden und Erfahrungswissen aus der Praxis beschreiben, um den Wert von Initiativen der Lehrentwicklung sichtbar zu machen.
In Lissabon haben wir mit den Teilnehmenden aus zahlreichen europäischen Ländern diskutiert, wie Lehrentwicklung auf den verschiedenen Ebenen des Hochschulsystems gefördert wird und die Wirkungen sichtbar gemacht werden (können). Deutlich wurde dabei, dass zwar die Förderansätze divergieren und das Spannungsfeld von Evaluation zwischen externer Rechenschaftspflicht und interner Lernorientierung unterschiedlich ausgeprägt ist. Überall zeigt sich aber, dass Evidencing mehr braucht als Instrumente. Hilfreich sind vor allem Vertrauen, Zusammenarbeit über die einzelnen Ebenen hinweg und eine Kultur, die unterschiedliche Wissensformen gleichermaßen anerkennt. Über unseren eigenen Beitrag hinaus bot das Forum spannende Impulse: Die Eröffnungskeynote stellte die provokante Frage, ob Hochschulen nicht weniger innovieren, sondern gezielt abbauen („exnovate“) sollten, um handlungsfähig zu bleiben. Beiträge aus Großbritannien, den Niederlanden und Portugal zeigten zudem, wie unterschiedlich Hochschulen versuchen, Lehrentwicklung systematisch zu verankern und ihre Wirkung sichtbar zu machen.
In Gießen wurde das konkret. Die Teilnehmenden haben ihr Wissen über Wirkungszusammenhänge in ihren Projekten zusammengetragen – nicht nur in Form von Zahlen, sondern als Gefüge aus Studierendenbefragungen, Beobachtungen aus der Begleitung von Studierenden, qualitativen Einblicken und strukturellen Veränderungen an ihren Hochschulen. In der Arbeitsphase des Workshops beschäftigte sich eine Gruppe näher mit der Frage, wie sich Effekte der SaG-Maßnahmen anhand von Leistungsindikatoren wie Noten, Credit Points und Abschlussquoten darstellen lassen. Eine zweite Gruppe wandte sich Wirkungen zu, die bislang weniger im Vordergrund stehen: dem Beitrag der Projekte zu sozialer Integration und Zusammenhalt unter Studierenden – und der Frage, wie sich das überhaupt erfassen lässt. Eine dritte Gruppe diskutierte schließlich, wie der Erfolg einzelner Maßnahmenkomponenten belegt werden kann. Gemeinsam war dabei die Grundüberzeugung, dass Wirkung vielschichtig ist und es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Dass Lissabon und Gießen so viel gemeinsam haben, überrascht nur auf den ersten Blick. Aus der Distanz einer unabhängigen, hochschulübergreifenden Einrichtung wie HIS-HE wird leichter deutlich, dass die Fragen, die ein Projektteam in Gießen beschäftigen, anderswo in Europa ganz ähnlich gestellt werden. So ist die Frage, wie Wirkungen von Lehrförderung sichtbar werden können, keine lokale. Sie stellt sich vielmehr überall, wo Hochschulen mit begrenzten Ressourcen, wachsenden Anforderungen und dem Anspruch auf Qualitätsentwicklung umgehen müssen. Auch wenn sich für diese Auseinandersetzung übergreifende Werkzeuge und Rahmungen wie das Evidencing anbieten lassen, bleiben die konkreten Antworten und Lösungsansätze doch kontextgebunden.
Bildquelle: João Porfírio/European University Association

