Teil 3 der Blogreihe “Orte des Selbststudiums – Perspektiven für den Campus der Zukunft”
Unsere beiden vorangegangenen Blogbeiträge haben bereits gezeigt, dass die Gestaltung und Nutzung von Selbstlernflächen an Hochschulen ein vielschichtiges Thema ist – beeinflusst von individuellen Präferenzen der Studierenden, infrastrukturellen Rahmenbedingungen und hochschulstrategischen Schwerpunktsetzungen. Um Lernorte in dieser Komplexität überhaupt erforschen zu können, haben wir ein methodisches Vorgehen entwickelt, das unterschiedliche Perspektiven systematisch verbindet. Unser Studiendesign kombiniert quantitative und qualitative Methoden und bringt die Sichtweisen von Hochschulleitungen bzw. des Hochschulmanagement einerseits und Studierenden als Nutzende andererseits in einen Dialog. Unser Ziel ist es, nicht nur belastbare Kennzahlen zu aktualisieren, sondern auch zu verstehen, welche strategische Bedeutung Selbstlernorte für die Campusentwicklung haben und welche Gestaltungsprinzipien aus verschiedenen Blickwinkeln wichtig sind.
Vier methodische Bausteine zur Beantwortung zwei zentraler Forschungsfragen
Im Kern geht es uns um zwei große Fragen:
- In welchem Umfang nutzen die Studierenden verschiedene Orte des Selbststudiums an den Hochschulen? Hier interessieren uns vor allem die Zeitbudgets: Wie viel Zeit verbringen Studierende an Selbstlernorten? Diese Zahlen sind für die Bedarfsplanung an Hochschulen zentral, denn sie ermöglichen die Ableitung von Kennzahlen für Flächenbedarfe.
- Welche Dimensionen und Prinzipien sollten für die Gestaltung der Selbstlernorte berücksichtigt werden? Hier rücken qualitative Aspekte in den Fokus: Was macht einen guten Lernort aus? Welche Ausstattungsmerkmale sind wichtig? Und wie werden Entscheidungen über die Gestaltung von Selbstlernorten an Hochschulen getroffen?
Um diese Fragen zu beantworten, setzt unser Studiendesign auf vier methodische Bausteine, die ineinandergreifen und sich gegenseitig ergänzen, wodurch Erkenntnisse aus den einzelnen Erhebungsschritten validiert und vertieft werden können.
1. Dokumente zur Lernortgestaltung an Hochschulen analysieren
Den Auftakt bildet eine vorbereitende Analyse hochschulstrategischer Dokumente, mit denen wir erste Einblicke darin gewinnen, welchen Stellenwert Selbstlernflächen in Entwicklungsplänen, Baukonzepten oder Leitbildern von Hochschulen haben. Dieser Schritt liefert wichtige Grundlagen für die nachfolgenden Interviews mit Hochschulmanagement und Studierenden sowie die Fragebogenentwicklung.
2. Institutionelle und strategische Perspektiven des Hochschulmanagements erfragen
Leitfadengestützte Interviews mit Vertreter:innen der Hochschul- und Bibliotheksleitung, aus den Studierendenwerken, mit Dezernent:innen und weiteren Personen aus dem Hochschulmanagement vertiefen zentrale Fragen wie: Welche organisationalen Entscheidungsebenen und Akteure sind bei der Gestaltung von Selbstlernorten involviert? Wie werden Lernort- und Campusentwicklung strategisch zusammengedacht? Welche Annahmen zur Bedeutung und Nutzung von Selbstlernorten werden für die Gestaltung zugrunde gelegt?
3. Zahlen und Daten zur Nutzung von Selbstlernorten durch die Studierenden ermitteln
Herzstück der Datenerhebung ist eine Online-Umfrage unter Studierenden, die im ersten Quartal 2026 startet. Der Fragebogen gliedert sich in drei Bereiche: Studiensituation (Fach, Semester, Wohnsituation, Pendelzeit), Umfang und Merkmale des Selbststudiums (wöchentliche Zeitbudgets, Verteilung auf Lernorte, Verfügbarkeit von Plätzen), Qualitätsmerkmale von Lernorten (von Ruhe über technische Ausstattung bis zu flexibler Raumgestaltung). Damit kann differenziert erfasst werden, in welchem Umfang Studierende bestimmter Fächergruppen Selbstlernorte nutzen und auf welche Ausstattungsmerkmale und räumliche Lernbedingungen sie wertlegen.
4. Perspektiven der Studierenden durch Interviews noch besser verstehen
Annahmen und erste Erkenntnisse zur Nutzung und Gestaltung von Selbstlernorten sollen durch leitfadengestützte Interviews mit organisierten Studierendenvertetungen (z. B. Fachschaften, Studierendenrat) validiert und vertieft werden. Welche Gestaltungs- und Ausstattungselemente sind aus studentischer Sicht besonders wichtig? Wie erleben Studierende die Ausstattung und Zugänglichkeit vorhandener Lernorte? Welche Bedeutung messen Studierende den Selbstlernorten für das Gelingen ihres Studiums bei? Die Interviews ermöglichen es uns, Nuancen zu erfassen, die in einer standardisierten Umfrage möglicherweise verborgen bleiben sowie die Perspektive der Studierenden besser zu verstehen.
Auswahl der Hochschulen: Gezieltes Sampling, um Vielfalt abzubilden
Eine wesentliche Annahme ist, dass das Selbststudienverhalten der Studierenden von diversen Kontextbedingungen beeinflusst wird: vom Studienfach, vom Hochschultyp und von Standortmerkmalen. Um Unterschiede dahingehend sichtbar zu machen, setzen wir für die Auswahl auf ein sogenanntes „theoretical sampling“. Anstelle einer Zufallsauswahl wird die Stichprobe theoriegeleitet zusammengestellt. Entscheidend ist in erster Linie nicht die statistische Repräsentativität, sondern die Möglichkeit, studentisches Selbstlernverhalten differenziert analysieren zu können, um der Vielfalt hochschulischer Strukturen gerecht zu werden.
Die Grundgesamtheit umfasst ausschließlich staatliche Hochschulen in Deutschland. Private Hochschulen sowie Kunst- und Musikhochschulen bleiben bewusst außen vor, da sich ihre organisatorischen Bedingungen und Lernkulturen deutlich unterscheiden. Innerhalb der Stichprobe differenzieren wir zwischen Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften bzw. Fachhochschulen, um mögliche Unterschiede zwischen den Hochschularten sichtbar zu machen. Um fachkulturelle Differenzen im Selbstlernverhalten zu untersuchen, erfassen wir zudem die Fächergruppen auf Basis der Systematik des Statistischen Bundesamtes. Schließlich spielt auch der konkrete Hochschulstandort eine Rolle. Unsere Stichprobe bildet Hochschulen aus allen Regionen Deutschlands ab – vom Norden bis in den Süden, vom Osten bis in den Westen. Ergänzend unterscheiden wir zwischen Standorten in urbanen Ballungsräumen und solchen in ländlichen oder peripheren Regionen.
Insgesamt erlaubt diese Samplingstrategie einen differenzierten Blick auf die vielschichtige Hochschullandschaft in Deutschland – und schafft eine belastbare Grundlage, um die Zusammenhänge des Selbstlernverhalten und den damit verbundenen Flächenbedarf mit verschiedenen Kontextbedingungen zu beschreiben. Für die erste Erhebungswelle wurden zunächst 14 staatliche Hochschulen ausgewählt. Eine zweite Erhebungswelle mit zehn Hochschulen soll der Ergänzung dienen, sofern bestimmte Fächergruppen auch nach Gewichtung noch zu stark unterrepräsentiert sind.
Aktuell sind wir dabei, uns mit den ausgewählten Hochschulen in Verbindung zu setzen. Parallel werden wir in den kommenden Blogbeiträgen bereits Einblicke in erste Zwischenergebnisse liefern und verschiedene, mit den Selbstlernorten verbundene, Themen diskutieren.
Interesse am Thema? Dann kommen Sie gerne auf uns zu!
Haben Sie eigene Erfahrungen, Ideen oder Fragen zu Lernorten und Campusentwicklung? Oder wollen Sie uns auf Beispiele oder ein Vorhaben hinweisen, in denen es um die Gestaltung der Hochschule als Lernort geht? Dann nehmen Sie gern Kontakt mit uns auf.
Wir sind gespannt auf Ihre Perspektiven und freuen uns auf den Austausch!
Projektteam:
Christina Lünsdorf
Dr. Christian Kühn
Jennifer Böhnke
Funda Seyfeli-Özhizalan

